Aber bitte mit Sahne

Quelle: Mikel Ortega from Errenteria, Spain, CC BY-SA 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0>, via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eine_Schwarzw%C3%A4lder_Kirschtorte.jpg
Quelle: Mikel Ortega from Errenteria, Spain, CC BY-SA 2.0 , via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eine_Schwarzw%C3%A4lder_Kirschtorte.jpg

Satt zu essen hatten wir immer, wir, die Nachkriegsgeneration. Mit den Jahren wuchsen jedoch die Ansprüche. Satt werden: aber wie? Mit Genuss, vor allem am Sonntag. Beim Mittagessen war Fleisch Trumpf: Es wurden Schweinebraten, Rinderroulade, Kotelett aufgetischt. Der Rest – Kartoffeln und Gemüse – war „Sättigungsbeilage“, und auch da wurde zugelangt, gern mit Nachschlag, fast bis zum Platzen.

Parallel wurde das nachmittägliche Kaffeetrinken, zumindest am Wochenende, zunehmend zur genussvollen Kalorienzufuhr genutzt. Marmorkuchen, Kalter Hund, Käsekuchen, Apfelkuchen wurden selbst gebacken, in – gern erweiterter – häuslicher Runde aufgetischt und „weggeputzt“.

Der Inbegriff des nun hin und wieder erreichbaren kulinarischen Luxus für Süßmäuler entstand bei uns allerdings nicht im mütterlichen Backofen, sondern war nur außer Hauses zu erlangen: die Schwarzwälder Kirschtorte. Dazu musste man in die Konditorei gehen. Meine Großmutter nahm mich mal mit, sie kannte sich da aus. Sie war eine von den Damen, die, stets gut behutet, die Konditoreien hierzulande jahrzehntelange bevölkerten. 

Ich sehe es noch vor mir in seiner ganzen Pracht: das Stück Schwarzwälder Kirschtorte mit seinen Sahne- und Schokoetagen und den roten Kirschen, die mich anlachten. Der erste Angriff mit der Kuchengabel setzte dem kühnen Bauwerk ein jähes Ende. Genussvoll führte ich mein Zerstörungswerk weiter, schaufelte unterschiedliche Mischungen mit mehr oder weniger Sahne, mehr oder weniger Kirschgeschmack in mich hinein, bis der Teller buchstäblich leergekratzt vor mir stand. Liebevolle und ermunternde Blicke der Großmutter hatten meine Fressorgie begleitet. „Schmeckt’s dir denn, mein Junge?“ Was für eine Frage: sehr sogar!

Überhaupt war die Sahne der Inbegriff von wollüstiger Verschwendung, bei Erwachsenen wie bei Kindern. Jeder selbstgebackene Kuchen zu Hause wurde durch das Sahnehäubchen erst zum vollendeten Genuss. Die „schlanke Linie“ blieb bei vielen auf der Strecke: Sie gingen auf wie der gern verwendete Hefeteig.

Udo Jürgens hat dieser Fresssucht der Wirtschaftswunderjahre ein Denkmal gesetzt mit seinem bösen Lied „Aber bitte mit Sahne!“, in der eine Damenrunde sich peu à peu ins Grab konditort (s. unten).

Die Sorge um Kalorien und Bauchumfang ist heute nicht die einzige, die uns von der Schwarzwälder Kirschtorte und anderen Sahneteilen zurückschrecken lässt. Sahne ist aus Milch gemacht und damit als Tierprodukt ökologisch und ethisch verwerflich. Wer nicht nur sich, sondern auch die Welt retten will, nimmt Abstand.

Dieser epochale Stimmungsumschwung geht völlig in Ordnung. Aber mit der Sahne sollte nicht auch der Genuss über Bord geworfen werden. Vegane Bäckerinnen und Bäcker beweisen, dass Kuchen ohne Milch und Eier genauso lecker sein kann wie mit. Hauptsache, es schmeckt so gut, dass man den Teller bis auf den letzten Krümel leerkratzen möchte, wie damals in Omas Konditorei.