Das Foto in der Hand

Quelle: Andreas Müller
Quelle: Andreas Müller

Früher wurden Bilder aufgenommen, entwickelt, ausgewählt, ins Album eingeklebt, immer wieder angeschaut. Das nannte man Foto. Wie ein Foto entsteht, wusste ich aus eigener Anschauung.

Mein Vater war nämlich Hobbyfotograf und hatte im Keller unseres kleinen Einfamilienhauses in den frühen 1960er Jahren eine Dunkelkammer eingerichtet. Den eigentümlichen Geruch der Chemikalien, die dort zum Einsatz kamen, habe ich noch jetzt in der Nase, wenn ich daran denke. Er war für uns erträglich, denn wir Kinder durften Papa helfen, die Abzüge zu machen. Dabei wurde das Fotopapier in verschiedenen Schalen nacheinander „gebadet“.

So verfolgten wir staunend, wie sich allmählich auf dem Papier die Konturen des jeweiligen Motivs abzuzeichnen begannen, wie zum Beispiel ein Schwarzweißbild von unserem letzten Sonntagsspaziergang entstand: erst die dunkelsten Partien, dann auch die helleren.

Später kamen die Farbfotos, die man zum Entwickeln und Abzüge-Machen wegschickte. Aber immer noch hielt man am Ende Fotos aus Papier in den Händen. Man saß gemeinsam auf dem Sofa oder am Tisch, zeigte auf die Urlaubsbilder und erinnerte sich: „Da sieht man euch im Paddelboot. Meistens wart ihr aber lieber mit Luftmatratzen im Wasser.“ Abzüge wurden mit Fotoecken ins Familien-Fotoalbum gesteckt, mit knapper Bildlegende: „Bodensee 1966“. Fotoalben wurden so nach und nach zu Familien-Geschichtsbüchern, mit den Schwerpunkten „Urlaubsreisen“ und "Familienfeiern“.

Mit dem Kamera-Smartphone scheint die traditionelle Fotozeit vorbei. Es werden ständig Bilder geschossen, häufig geteilt, automatisch gespeichert und – nie wieder angesehen. Dieser zappelig-interaktive Umgang mit dem schnellen Bild hat alle Generationen erfasst, die sich auf WhatsApp im Sekundentakt mit neuen Selfies beglücken. Die Lochis haben das schon 2015 unter dem Titel „Ein Foto hier – ein Foto da“ treffend besungen und gefilmt (s. unten).

Es geht auch anders. Wer will, kann aus dem Bilderspeicher des Smartphones eine Schatztruhe machen und sorgfältig ausgewählte Bilder zeitgemäß weiterverwenden: im Fotobuch. Das entsteht zwar am Computer, mit Software für Bildbearbeitung und Layout, ganz ohne Fotoecken. Aber wenn das fertige Buch eingetroffen ist, ist vieles wie früher. Man sitzt wieder auf dem Sofa oder am Tisch, jetzt mit dem Enkel, blättert und zeigt: „Erinnerst du dich? So sah dein erster Schulranzen aus!“