Der Frühschoppen

Quelle :https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Julius_Horst,_Hansi_Niese_Joef_Jarno_bei_Fr%C3%BChschoppen_in_Berlin_1903.jpg
Quelle: Zander & Lobisch, Public domain, via Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Julius_Horst,_Hansi_Niese_Joef_Jarno_bei_Fr%C3%BChschoppen_in_Berlin_1903.jpg
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Der Frühschoppen als Kindheitserinnerung? Ja, aber es ging dabei nicht ums Bier- oder Weintrinken. Der „Internationale Frühschoppen“ von Werner Höfer lief viele Jahre lang sonntags um 12 Uhr im Ersten Programm des Deutschen Fernsehens, während Mutti in der Küche das Essen vorbereitete. Es standen tatsächlich Weingläser auf dem Tisch im Studio, und die geladenen Gäste nippten daran. Manchmal kam eine freundliche Dame ins Bild, die nachschenkte. Aber das Wichtige waren die Gespräche selbst, für die ich mich früh zu interessieren begann.

Fünf Journalisten aus bis zu fünf verschiedenen Ländern (mal waren es auch mehr, mal weniger Journalisten und Länder) sprachen eine Dreiviertelstunde lang mit dem glatzköpfigen Moderator mit der sonoren Stimme über die politischen Ereignisse der vergangenen Woche. Es war ein kollegiales Gespräch unter Bonn-Korrespondenten großer Tageszeitungen aus nah und fern, kaum Korrespondentinnen, natürlich, denn die waren rar. Die Wiener „Presse“, die „Neue Zürcher Zeitung“, die „Frankfurter Allgemeine“ waren oft vertreten, aber auch die Londoner „Times“, der „Corriere della Sera“ aus Italien, die „New York Times“, „Le Monde“ aus Paris und wie sie alle hießen, die großen Blätter. Das beeindruckte mich als Heranwachsenden sehr.  

Es kam zu Meinungsverschiedenheiten, und natürlich waren verschiedene politische Lager erkennbar. Aber es herrschte ein entspannter Ton, gelegentlich machte der eine einen kleinen Scherz, der andere erlaubte sich eine Stichelei. Viele zogen regelmäßig an ihrem Glimmstängel oder ihrer Pfeife, besonders der Gastgeber. Werner Höfer behielt nicht nur die Zigarette, sondern auch das Heft stets in der Hand und erhob zum Abschluss das Weinglas.

Später kam die Talk-Show, noch später der politische Talk mit hochkarätigen Politikern und Experten, bei denen Zuspitzung und Streit das Ziel sind – und damit der Unterhaltungswert. Denn nur so erreicht man bei der heutigen Senderauswahl eine passable Einschaltquote mit einer Sendung, in der nur geredet wird. Damals fehlte sogar das applaudierende Studio-Publikum.

Gute alte Zeit? Ehrlich gesagt: nicht wirklich. Wir alle würden bei einer Neuauflage nach wenigen Minuten gelangweilt ausschalten und lieber selbst zum Glas greifen – mit Wasser drin, der Gesundheit zuliebe. Ernüchternd.