Die Matrize

Quelle: Prosopee, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Machine_%C3%A0_polycopier_%C3%A0_alcool_(4).JPG
Quelle: Prosopee, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Machine_%C3%A0_polycopier_%C3%A0_alcool_(4).JPG

Wer in den 1960er bis 1980er Jahren zur Schule ging, der kennt sie nur allzu gut: die häufig als „Umdrucke“ bezeichneten Billigpapier-Blätter mit Texten und Aufgaben, die die Lehrerin an alle verteilte. Sie rochen nach Alkohol, und wenn man Pech hatte, bekam man eines der letzten Exemplare, auf denen die Schrift blass und kaum lesbar war. Der Grund: Von der Matrize konnte man nur eine sehr begrenzte Anzahl von Drucken herstellen. 

Die meisten Schülerinnen und Schüler machten sich über den Herstellungsprozess dieser Umdrucke keine Gedanken. Anders wir: Angestoßen und unterstützt von einer kreativen Deutschlehrerin, produzierten wir ab Klasse 7 per Matrize eine eigene Klassenzeitung, die „Flüstertüte“, die über zwei Schuljahre in fast monatlichem Rhythmus erschien und an alle in der Klasse verteilt wurde. Das Blättchen war eine ganz normale Schülerzeitung: mit Lehrersprüchen, Witzen, Rätseln, Lehrerinterviews, einem Pro- und Contra-Beitrag zu einem Thema wie „Schuluniform“ und einem Bericht über den Klassenausflug an einen nahegelegenen See.

Das Faszinierende für das kleine Redaktionsteam war neben dem Verfassen der Artikel und dem Gestalten der Illustrationen (eigene Zeichnungen) die materielle Seite: das Abtippen der Beiträge mit der Schreibmaschine auf die Matrize, die Seitenaufteilung, das Einspannen der Einzelmatrizen in den Umdrucker, das Betätigen der Kurbel, mit dem der Zylinder über das zu bedruckende Papier gezogen wurde. Wer sich das nicht vorstellen kann, dem hilft vielleicht das englischsprachige Video unten.

Wenn alle Einzelseiten gedruckt waren, wurden die Seiten-Häufchen auf den Tischen im Klassenzimmer verteilt. Man ging hintereinander die Tische entlang, nahm von jeder Seite ein Blatt, stapelte dieses Häufchen am Ende und „tackerte“ es mit zwei oder drei Heftklammern zusammen. Am nächsten Tag wurde das neue Heft stolz an die ganze Klasse und natürlich auch an alle Lehrerinnen und Lehrer der Klasse verteilt.

Dieses Urerlebnis eines komplexen Schaffensprozesses, den wir als Dreizehnjährige vollständig beherrschten, hat bei den aktiv Beteiligten dauerhafte Spuren hinterlassen. Es macht nicht nur Spaß zu schreiben und gelesen zu werden. Es macht auch Spaß, sich dabei buchstäblich die Finger schmutzig zu machen. Das blieb bei dem Spirit-Carbon-Verfahren mit den Matrizen nämlich nie aus. Nicht schlimm: Blaue Tintenspuren lassen sich mit Seife und Bürste schnell entfernen.

Später habe ich als Lehrer unter anderen technischen Bedingungen meinerseits Schülerinnen und Schüler ermuntert, Schülerzeitungen und Schuljahrbücher zu gestalten. Je größer das Projekt, desto mehr Hilfe von außen war nötig, bis zu professioneller Layouterin und Druckerei. Schade.

Unsere damalige Begeisterung konnte ich dagegen am ehesten in den Kindern wiederfinden, die eine Wandzeitung in der Pausenhalle gestalteten: vom handgeschriebenen Artikelentwurf über die am Computer getippte Druckfassung, die vergrößerte Kopie für den Aushang bis zur Anordnung der Einzelseiten an der Pinnwand, mit bunten Filzstiften liebevoll dekoriert. Wieder schmutzige Hände – ohne die kommt nachhaltige Pädagogik offenbar nicht aus.