Du Streber!

Quelle: Viktoria.sm2012, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Uchit_0.jpg
Quelle: Viktoria.sm2012, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Uchit_0.jpg

Wer hielt dem Lehrer die Tür auf, hatte seine Hausaufgaben stets gründlich gemacht und meldete sich pausenlos im Unterricht? Der Streber. Unter Jungs war er schon in unserer Babyboomer-Kindheit der Ungeliebte, denn er verdarb die Preise. Die meisten gingen dem Lehrer aus dem Weg, erledigten ihre Hausaufgaben mehr schlecht als recht und brauchten ihre Hände, um unter dem Tisch Briefchen zu schreiben, statt sie auffordernd in die Luft zu recken.

Bei den Mädchen war die Streberei eher verbreitet. Viele schrieben sauber, führten ihre Mappen liebevoll, übernahmen bereitwillig Extraaufgaben. Wir Jungs hatten einen anderen Ehrgeiz: ohne jegliche Anstrengung schulisch über die Runden zu kommen. Diese Rolle jedenfalls versuchten wir uns und anderen vorzuspielen: „Schaut mal: Wir kriegen alles hin, ohne auch nur den kleinen Finger zu heben.“ So wie wir freihändig Fahrrad fuhren: total entspannt.

Dabei waren wir gar nicht entspannt, denn eigentlich wollten auch wir gute Noten und Anerkennung. Das ist heute nicht anders, wie der Streber-Song des 12-jährigen Levent zeigt (s. unten). Er klagt: „Streber wollen mit Einsen glänzen und ich lieber die Schule schwänzen.“ Gequält von Selbstzweifeln (Ist mein Gehirn zu klein?) wäre er schon mit einer Vier zufrieden und leidet unter dem elterlichen Druck: „Jetzt geht‘s ans Eingemachte, alles ist aus, was ich gerne machte“. Dabei ist das, was er gerne macht, eigentlich das, womit er zugleich glänzen könnte: Songs komponieren und damit vor Publikum auftreten.

Wie ging es bei uns weiter? Viele von denen, die damals im Unterricht wenig bei der Sache waren und sich über die Streber mokierten, kriegten nach auskurierter Pubertät vor Toresschluss die Kurve. Der vormals Faulste wurde früh Professor. Und die, die damals über die „3“ im Deutsch-Abi enttäuscht war, hat inzwischen diverse Bestseller geschrieben, in denen sie anderen den Weg zu einem erfüllten Leben weist.

Der Grund ist offensichtlich: Beide fanden eigene Ziele, statt anderen nach der Pfeife zu tanzen. Aber sie verstanden auch rechtzeitig: Es kann nichts schaden, ein bisschen mitzuspielen und gelegentlich zu tun, was von einem erwartet wird. Denn Selbstvertrauen kommt nicht vom Eigenlob allein; es braucht die Anerkennung der anderen, auch von Eltern, auch von Lehrerinnen und Lehrern.

Vielleicht stößt der singende Levent noch auf eine Musiklehrerin, die sein Talent zu würdigen und zu fördern weiß, zusätzlich zu den Likes auf YouTube. Dann wird aus dem Schwänzer von heute vielleicht kein Streber, aber jemand, der sich reinhängt und dem was gelingt, in der Schule und im Leben.