Es geht um die Wurst

„In der allergrößten Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot.“ Das sagte mein Vater, grinste und schob sich eine Mettwurstscheibe genussvoll in den Mund. Der Wert der Wurst auf dem Abendbrottisch der 1950er und 1960er Jahre war unbestreitbar. Die schlechten Zeiten von „trocken Brot“ waren vorbei. Man gönnte sich Mettwurst, Leberwurst, Teewurst. Und nach der Wanderung durch den Wald bestellte sich mein Vater in der Landgaststätte gern ein „Restaurationsbrot“ mit extra viel Mettwurstscheiben, dekorativem Salatblatt und Senfgurke: der Inbegriff von Hochgenuss.

Wir Kinder hatten jeder seine Lieblingswurst, und unsere Mutter sorgte dafür, dass davon immer genug auf dem Tisch war. Es war uns nicht Wurst, ob es Wurst gab. Warm kam Wurst als Wiener Würstchen und als Bratwurst auf den Mittagstisch, oft mit Kartoffelbrei oder Kartoffelsalat als Sättigungsbeilage. Das mochte jede/r, die eine mit weniger, der andere mit mehr Senf.

Später kam das Grillen im Garten auf, und da war die Wurst als Grillgut gesetzt. Die Frage war nicht, ob man sie mochte (natürlich), sondern wieviel davon man „schaffte“. Auf dem Grill lag neben der Wurst auch allerlei Fleisch und – peu à peu – Pflanzliches, allen voran der Maiskolben.

Je mehr sich um den Grill scharten und je öfter sie es taten, desto weiter entwickelten sich die Wünsche auseinander. Viele Männer stürzten sich vorzugsweise auf Fleisch und Wurst: Kraftfutter für starke Männer. Viele Frauen langten dagegen lieber beim Salat und bei gegrilltem Gemüse zu, weil das gesünder sei. „Aber ne Wurst, die esst ihr doch?“ fragte dann vielleicht der grillende Hausherr die Maiskolben-knabbernden Damen, wie in dem Lied von Kapelle Petra (s. unten). 

Heutzutage steht die Wurst- und Fleischeslust mehr denn je auf dem moralischen Prüfstand. Die weltweite Fleischproduktion trägt zum Treibhauseffekt und damit zum Klimawandel bei. Es geht nicht mehr nur um unsere Gesundheit, sondern auch um die des Planeten, um die Grundlagen unserer menschlichen Existenz, „um die Wurst“. Der Wurstkonsum hat seine Unschuld verloren. Muss deshalb der Wurst jetzt der Garaus gemacht werden?

So schlimm wird es offenbar nicht kommen. Zum Glück versorgen uns pfiffige Firmen bereitwillig mit Wurst, die es im besten Sinne in sich hat: Erbsen, Seitan, Soja, Tofu statt Fleischabfälle fügen sich in die garantiert pflanzliche Hülle. Damit wir auch morgen kraftvoll reinbeißen und zugleich die Welt retten können. Wem’s schmeckt: Genuss ohne Reue.