Frisch aus der Dose

Quelle: Klaus-Dieter Keller, CC0, via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dosenwerfen.jpg
Quelle: Klaus-Dieter Keller, CC0, via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dosenwerfen.jpg

Eine Speisekammer, die gab es in jedem Haushalt, ob groß, ob klein. Dort lagerten vorzugsweise Nahrungsmittel, die keine besondere Kühlung brauchten, in der Konservendose. Heimisches Gemüse wie Erbsen, Karotten, grüne Bohnen, exotisches Obst wie Ananas, Pfirsiche, Aprikosen wurden gern in dieser Form in Reserve gehalten. Corned Beef und Fleischwurst vervollständigten den Dosen-Bestand.

Diese Notfallbestände in Blech wurden nicht nur angeschafft und aufbewahrt. Sie wurden auch regelmäßig im Alltag verbraucht, bevor das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht war. Der Obstsalat aus frischen Äpfeln und Bananen gewann durch die Aprikosenstückchen im eigenen Saft aus der Dose an Flüssigkeit und Geschmack. Der Vater holte sich die Dose Corned Beef, die ihm niemand streitig machte, aus der Speisekammer, während sich die Kinder ungestört an der harten Mettwurst frisch vom Fleischer labten.

Mit dem Wohlstand und den ersten Kontakten mit fremdländischer Küche erweiterte sich das Angebot in Dosen. Der Mais kam wie gelbe Erbsen in der Dose ins Regal, lange bevor er als Maiskolben in der Obst- und Gemüseabteilung des Supermarkts Einzug hielt. „Kann man ja mal probieren. Ich habe ein Rezept in der HörZu gesehen“, sagte die Mutter mutig-entschlossen, etwas später sekundiert von der Fernsehwerbung (1985), die den Dosenmais (von Bonduelle) buchstäblich auf dem Vormarsch zeigte (s. unten).

Fertiggerichte wie Linsensuppe und Gulasch aus der Dose machten mich Studierenden schon in den 1970er Jahren am mensafreien Sonntag zum sparsamen Selbstversorger.

Aber seitdem verlor die Dosenkonserve an Terrain. Ananas, Aprikose, Pfirsich einerseits, Mais andererseits wurden zunehmend per Luftfracht frisch importiert und in der Obst- und Gemüseabteilung des örtlichen Supermarkts ohne Blech drumherum feilgeboten. Das heimische Gemüse wanderte von der Dose in die Tiefkühlpackung – Erbsen und Karotten wie frisch, aber ohne das Gammelrisiko und schon geputzt.

Wer allerdings dachte, der Trend sei unumkehrbar, sah sich zu Beginn der Corona-Pandemie eines Schlechteren belehrt. Plötzlich grassierte auch in weltkriegsfernen Generationen die Angst vor Mangel. Neben Hamsterkäufen von Klopapier wurden Esskonserven massenhaft gekauft und zu Hause gebunkert, nach dem Motto: „Wir sind für alles gewappnet.“

Jetzt liegen die Dosen im Küchenschrank und dämmern schicksalsergeben ihrem Mindesthaltbarkeitsdatum entgegen: der Thunfisch, die Möhrchen, der Linseneintopf nach Hausfrauenart. Keiner hat mehr richtig Appetit drauf. Man ist Besseres gewöhnt.

Nur eines kann die Dosen retten: Nostalgie. Wie wär’s mit einer 1960er-Jahre-Büffet-Party für Nachbarschaft und Freundeskreis im Corona-kompatiblen Kleingarten, bei der der Inhalt der Dosen bei Retro-Rhythmen häppchenweise unters Volk gebracht wird? Zum Abschluss Dosenwerfen? Ich wär dabei.