Frisch von der Hörbar

Quelle: Bin im Garten, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Deutsches_Rundfunk-Museum_Ausstellung_auf_der_IFA_2012_PD_24_Radioempf%C3%A4nger_Telefunken_Concerti
Quelle: Bin im Garten, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Deutsches_Rundfunk-Museum_Ausstellung_auf_der_IFA_2012_PD_24_Radioempf%C3%A4nger_Telefunken_Concerti

Am Anfang war das Radio. Der Rundfunkempfänger stand im Wohnzimmer. Die ganze Familie versammelte sich dort, wenn die Ratesendung „17 und 4“ lief. Eine Promi-Jury sollte Begriffe erraten und durfte bis zur Lösung nur 17+4 Ja-Nein-Fragen stellen. Wir hielten uns die Ohren zu, wenn die Geisterstimme von 17 und 4 vorab die Lösung verriet, und rieten mit der Jury um die Wette.

Die Nachrichten kamen natürlich auch aus dem braunen Kasten. Mauerbau, Kubakrise, Todesschüsse auf Kennedy: Unsere Eltern und wir waren mit den Ohren zeitnah dabei, bevor die Zeitung am Folgetag Details und Bilder nachlieferte.

Später kam das Transistorradio, das man herumtragen konnte, und wir trugen es zu uns ins Kinderzimmer. Dort hörten wir so laut wie möglich unsere Lieblingsmusik: die Hits des britischen Soldatensenders BFBS (British Forces Broadcasting Service). Die Sprecher erfüllten Wünsche ihrer in Deutschland stationierten Hörerinnen und Hörer – This is for Ingrid in Iserlohn, from your husband Hugh, with love! – und wir tauchten in ein doppeltes Englisch-Sprachbad aus Moderation und Musik. Als wir dann ein Tonbandgerät geschenkt bekamen, schnitten wir die Musik mit und hatten so unsere Lieblingssongs bei Bedarf zur Hand. Das Radio musste gar nicht mehr eingeschaltet werden.

Parallel drängte sich das Fernsehen immer mehr in den Vordergrund. Es lieferte einfach mehr: Worte und Musik, aber auch bewegte Bilder. Es verdrängte das Radio aus unserem Bewusstsein, weil es mehr Sinnesorgane beschäftigte und so mehr Aufmerksamkeit auf sich zog: „Licht aus – Spot an!“, wie es in Ilja Richters ZDF-Musiksendung „Disco“ jahrelang hieß.

Das Radio stand nicht im Rampenlicht, aber es dudelte weiter, im Auto oder in der Küche, lieferte Hintergrundmusik, zu der man auf der Autobahn beschleunigte oder in der Küche Karotten klein schnitt. Wer Lieder schrieb und sang, hoffte weiter, gehört zu werden, wie Udo Lindenberg im seinem Radio-Song (s. unten). Aber glaubte er noch wirklich daran?

Dieses Schattendasein des reinen Audiokanals scheint jetzt vorbei zu sein. Man will wieder genauer hinhören, wenn wirklich Wichtiges gesagt wird. Der Podcast als jederzeit im Internet abrufbarer Hörbeitrag findet zunehmend Freundinnen und Freunde. Christian Drostens Corona-Podcasts waren monatelang beruhigende Begleiter für Millionen Pandemie-besorgte Bundesbürgerinnen und Bundesbürger – und wertvolle Informationsquelle für andere Medien!

Und was ist aus der 17+4-Ratespiel-Tradition aus unserer Dampfradio-Jugend geworden? Niemand jagt 21 Fragen lang demselben Begriff hinterher, niemand will sich so etwas anhören. Aber dafür darf jedermann und jederfrau ständig bei einem der zahllosen öffentlichen und privaten Radiosender anrufen und Quizfragen beantworten. Alle anderen hören aufmerksam zu, fiebern mit – und lachen sich tot, wenn Lothar oder Lena nicht weiterweiß.