Glotz nicht so

Quelle: Simon Teumert, CC BY-SA 3.0 <http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/>, via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Testbild.png
Quelle: Simon Teumert, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Testbild.png

Früher war Fernsehen wie ein Buch: Es hatte Anfang und Ende. In den Fernseh-Kinderjahren, die auch unsere Kinderjahre waren, begann das Programm am Nachmittag und endete am Abend.

Am späten Nachmittag sahen wir „Lassie“, „Fury“, „Bonanza“. Am Abend kam nach der Tagesschau ein Film, eine Quizsendung oder eine Show mit Musik für unsere Eltern. Wenig später erschien das Testbild, eine Ansammlung von hellen und dunklen Linien und Formen zur Schwarzweiß-Zeit, von bunten Linien und Formen zur Farbfernsehzeit, akustisch unterlegt von einem neutralen Dauerton. Wer während des Films vor dem Fernseher einschlief, wachte zum Testbild auf und ging ins Bett zum Weiterschlafen: Feierabend.

Im Laufe der Jahre dehnte sich der Fernsehtag immer weiter aus. Es gab ein Vormittagsprogramm, ein Spätprogramm. Wir durften immer mehr sehen, gemeinsam mit den Eltern, versteht sich: „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff, „Was bin ich?“ mit Robert Lembke und „Kommissar Maigret“ mit Rupert Davies.

Das Angebot an Sendern wuchs ebenfalls, zunächst nur um ZDF und Dritte Programme. Man konnte seinen ganzen Tag mit dem Fernsehen verbringen. Das taten auch immer mehr Leute – und nicht nur Erwachsene. Es erschienen Studien, die zeigten, dass Kinder mehrere Stunden am Tag vor der „Glotze“ hingen und immer weniger das gute Buch in die Hand nahmen. Verblödung durch stundenlanges Glotzen bedrohte die Zukunft einer ganzen Generation. Diese besorgte Stimmung griff Udo Jürgens mit seinem Lied „Die Glotze“ 1982 auf (s. unten).

Als die Privatsender das Angebot in den 1980er Jahren zusätzlich bereicherten, war es mit dem Testbild bald vorbei. Man konnte rund um die Uhr auf bewegte Bilder schauen, auch wenn das manchmal bloß Wiederholungen waren. Das Kabelfernsehen sorgte dafür, dass die verfügbare Senderzahl weiter nach oben schnellte und das „Zappen“ mit der Fernbedienung zum Lieblingssport vieler Fernsehzuschauer wurde.

Und heute? Da läuft bei manchen der Fernseher den ganzen Tag hindurch, aber kaum noch wer schaut hin: Dauerrauschen im Hintergrund. Andere schalten den Panorama-Flachbildschirm nur ein, um sich selbstgewählte Serien oder Filme aus einer Mediathek oder von einem anderen Streaming-Anbieter anzusehen.

Das passive Glotzen ist aus der Mode gekommen. Dank allgegenwärtigem Internet und handlichem Smartphone ist man vielmehr ständig hektisch aktiv, schnappt Bilder und Wortfetzen auf, liked sie, teilt sie. Man ist pausenlos online, pausenlos am Suchen, Sehen, Senden.

In dieser Welt der kurzen Blicke und schnellen Finger scheint das vielgescholtene Glotzen des Fernsehzeitalters einem wie philosophische Gelassenheit, die man sich sehnlich zurückwünscht. Aber was sollte man glotzen, um wirklich zur Ruhe zu kommen? Mein Vorschlag: Wie wär’s mit dem Testbild?