Gut benotet

Quelle: Andreas Müller
Quelle: Andreas Müller

Früher waren Noten zweimal im Jahr wichtig: In der Schule gab es Zeugnisse. Ein mit Spannung erwarteter Tag, denn aus unserem täglichen Bemühen in Deutsch, Mathe, Englisch, Musik und Kunst wurden Zahlen zwischen 1 und 6, zwischen sehr gut und ungenügend.

Das Zeugnis bestätigte zumeist die Erwartungen: Deutsch, Mathe, Englisch – das konnte ich. In Musik war ich ein Totalausfall: beim Singen traf ich keinen Ton. Und in Kunst kam ich beim Porträtzeichnen über Strichmännchen nie hinaus. Zu Hause wusste man das, freute sich am Zeugnistag mit mir über die guten Noten, belächelte die – zum Glück wenigen – Ausreißer nach unten.

Nicht alle sahen dem Zeugnistag mit so großer Gelassenheit entgegen. Es gab Mitschülerinnen und Mitschüler, die Angst vor den Zeugnissen hatten und sie als „Giftzettel“ bezeichneten. Ein Grund war, dass die Noten nicht so gut wie erhofft ausfielen oder gar die Versetzung in die nächsthöhere Klasse gefährdeten. Ein anderer: Sie hatten Angst vor der Reaktion ihrer Eltern.  Man hörte von Standpauken, Verboten, ja sogar Schlägen. Nicht alle hatten nämlich verständnisvolle, loyale Eltern wie Reinhard Mey, der in „Zeugnistag“ ihr Loblied singt (s. unten).

Heute gibt es immer noch Zeugnisnoten, die bei den einen Freude, bei anderen Angst und Schrecken auslösen. Aber das Benoten ist nicht mehr das Privileg von Lehrkräften am Zeugnistag, es ist zum Grundrauschen der Gesellschaft geworden. Während früher keiner bewertet werden wollte, fordern uns jetzt ständig Leute auf, sie zu bewerten. Und wir spielen gern mit.

Wieviel Sterne vergibt man für das Urlaubshotel oder das online bestellte Buch? Wie zufrieden ist man mit der Auskunft der Telefon-Hotline des Internet-Providers? Wo zwischen „sehr gut“ und „ungenügend“ liegt unsere Meinung zum Liegekomfort der neuen Matratze? Man kann seine Tage damit verbringen, Bewertungen abzugeben. Wenn man sie begründet, bekommt man seinerseits Lob von Ratsuchenden: „29 Personen fanden diese Informationen hilfreich.“ Toll, dann rezensiere ich mal fleißig weiter.

Die Notenskala in unserer Welt der Dauerbewertung ist allerdings oft geschrumpft, mitunter auf erhobene Daumen und Smileys und deren Gegenteil. Sogar in der Schule sind die Emojis längst angekommen. Der Erstklässler-Enkel und seine Eltern durften sich neulich über Smileys für Lesen, Schreiben und Mathe freuen. Über Kunst schweigen wir lieber.