Sattelfest

Bildquelle: Andreas Müller
Bildquelle: Andreas Müller

Erst mit Stützrädern, dann ohne: Radfahren wollte früh gelernt sein. Das Fahrrad versprach Mobilität von Kindesbeinen an. Es war das Lieblings-Fortbewegungsmittel für (fast) alle, damals in den 1950er und 1960er, als nur wenige ein Auto hatten und dieses nur selten nutzten. Ich radelte zur Schule, mein Vater zur Arbeit, meine Mutter am Samstag zum Brötchen-Einkaufen bei unserem Lieblingsbäcker. Das ging einfach schneller als zu Fuß.

Mit wachsendem Wohlstand kamen Fresswelle und Massenmotorisierung. Papas Bauch rundete sich, und da er kein Einzelfall war, wurde 1970 die Trimm-dich-fit-Bewegung ins Leben gerufen. Wer das Fahrrad neben dem neuen Opel Kadett in der Garage abgestellt hatte, holte es wieder hervor, um in seiner Freizeit abzunehmen und Kreislauf und Herz zu stärken. Sogar Opa Karl-Gustav schwang sich in einem Werbe-Zeichentrickfilm auf einen Drahtesel, um Seinesgleichen zum Mitradeln zu ermuntern (s. unten). 

Er fuhr durch die Natur, nahm sie allerdings nur am Rande wahr. Im Mittelpunkt stand die gesunde Dauerbewegung beim Pedale-Treten und ein gewisser sportlicher Ehrgeiz, wenn es galt, einem kläffenden Köter zu entkommen.

Inzwischen haben die Fitness-Studios die Trimmpfade ersetzt. Hier kann man sich unbehelligt von Wind und Wetter sowie von kläffenden Kötern auf ein Rad schwingen, mit dem man allerdings nicht wirklich vom Fleck kommt. Fitness first.

Karl-Gustavs Enkel, jetzt selbst Opa, tummelt sich lieber mit vielen anderen draußen, auf seinem neuen E-Bike. Es fährt ziemlich schnell, ohne dass er je übermäßig ins Schwitzen kommt. Seine Begleiterin und er wollen sich vor allem an der frischen Luft bewegen und die schöne Umgebung ihres Urlaubsorts entdecken.  

Apropos Urlaubsort: Dort in der Schlange vorm Bäcker stehen samstags viele, die ihren SUV um die Ecke geparkt haben. Plötzlich rollt eine fitte Fahrrad-Mutti mit zwei behelmten Radfahrer-Kindern vor, steigt ab und stellt sich hinten an. Wie damals.