Schlips und Kragen

vectortoons.com, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Men_with_neckties.png
vectortoons.com, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Men_with_neckties.png

Wer ihn um den Hals trug, der war im Dienst. Gemeint ist der Schlips, der damals in unserer Kindheit und Jugend für viele zur alltäglichen Berufskleidung gehörte. Nicht nur Banker und Versicherungsvertreter, sondern auch Lehrer und Lebensmittelhändler zierten sich mit einer – zumeist in Farbe und Motiv dezenten – Krawatte und legten diese erst zum Feierabend wieder ab.

Deshalb war der Schlips als Symbol des Erwachsenwerdens vorzüglich geeignet. Zur Konfirmation gab es den ersten Anzug – und den ersten Schlips. Papa zeigte einem, wie man ihn kunstvoll knotete. Der Konfirmand blickte stolz und hoffnungsfroh in die Kamera: der erste Schritt in Richtung Erwachsenenwelt war getan.

Der Schlips verschaffte seinem Träger eine gewisse Würde, hielt ihn auf Höflichkeitsdistanz von den anderen. Wehe, man trat jemandem auf den Schlips! Das hieß ja, man kam ihm zu nahe, verletzte ihn in seiner Würde.

Nur einmal im Jahr, beim Karneval, war (und ist) im Rheinland ein direkter Angriff auf den Textilknoten um den Hals des Mannes ausdrücklich vorgesehen. Zur Weiberfastnacht am Donnerstag vor Aschermittwoch kommen die Karnevalistinnen und schneiden Amtsträgern den Schlips ab –  gottseidank nur eine virtuelle Kastration.

In unseren rebellischen Jahren um 1970 hatten wir Babyboomer, wiewohl mit Krawatte konfirmiert, mit dem Schlips nichts mehr am Hute. Wir pflegten den „Gammellook“ mit langen Haaren, Jeans und T-Shirt. Logisch, dass wir auch die Pläne von Schule und Elternhaus boykottierten, die uns bei der feierlichen Abiturientenentlassung gern in Schlips und Kragen gesehen hätten. Stattdessen holten wir uns unsere Zeugnisse im Freizeitlook im Schulsekretariat ab. Statt Abiball schwoften wir, leger gewandet, zu Rock-Rhythmen im verdunkelten Zeichensaal.

Heute gibt es durchaus noch Milieus, in denen auf Schlips und Kragen Wert gelegt wird, etwa bei vielen Geldinstituten. Aber für die meisten Männer ist die Arbeitskleidung im Alltag bequemer geworden, der Hals wird nicht mehr systematisch eingeschnürt. Umso größer die Panik, wenn man sich zu einem besonderen Anlass in Schale werfen und den Binder umbinden soll, wie dies Bodo Wartke in seinem Lied „Probleme, die ich früher noch nicht hatte“ erzählt (s. unten).

Nicht alle schreckt heute der Schlips im Privatleben – im Gegenteil. Es gibt eine neue Mode von Schlips und Kragen bei Schulabschlussfeiern und Eheschließungen. Eine ganze Hochzeitsbranche berät das glückliche Paar und seine Entourage zu Fragen von Festablauf bis Festkleidung. Was aber, wenn der Bräutigam den schicken Schlips am Schicksalstage in Händen hält und nicht (mehr) weiß, wie man ihn knotet? Die Antwort heißt: YouTube statt Papa.