Selbstgestrickt

Quelle: PROPOLI87, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lavorando_ai_ferri.jpg
Quelle: PROPOLI87, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lavorando_ai_ferri.jpg

Da saßen sie, im Proseminar im Göttingen der frühen 1970er Jahre, und sie strickten, meine Kommilitoninnen. Was sollte ich vergleichbar Gescheites mit meinen Fingern machen? Mitschreiben? Nein, ich werde ein moderner Mann, der das auch kann. Meine Mutter lieferte mir die Wolle zum ersten Schal, dunkelgrün war sie, und natürlich die typischen Handbewegungen beim Stricken.

Ins Proseminar habe ich das Strickzeug nie mitgenommen, zu linkisch waren meine Bewegungen, die meine volle Aufmerksamkeit verlangten. Der Proseminar-Dozent und meine Mitstudentinnen hätten mich nur abgelenkt. Am Ende war der Schal fertig: eine typische Anfängerarbeit, die breit anfing und immer schmaler wurde: untragbar, aber als Wahrzeichen meiner Emanzipationsbemühungen doch vorzeigbar, zum gemeinsamen Darüber-Lachen.

Die selbstgestrickten Pullover meiner Mutter hatte ich als Kind getragen, eigene selbstgestrickte Pullover würde ich nie tragen, das war klar. Aber die jungen Frauen, die mit mir Deutsch und English studierten, die haben sicher manches Selbstgestrickte hübsch zu Ende gebracht. Außerdem trugen sie schon durch ihr Stricken zur entspannten Proseminaratmosphäre bei. Und sie zeigten: Man kann eine klassische Frauentätigkeit, eben das Stricken, mit einem ambitionierten Berufs- und Lebensplan verbinden: Stricken und Zuhören, Stricken und Mitdiskutieren, Stricken und Staatsexamen fürs höhere Lehramt.

Jede strickte zugleich an der eigenen Geschichte, die weiterging. Die Studentinnen von damals sind Lehrerinnen geworden, haben vielleicht das Strickzeug ganz zur Seite gelegt. Oder sie haben weitergestrickt und die Stricklust an Kinder und Kindeskinder beiderlei Geschlechts weitergegeben, als eines von vielen Dingen, die man oder frau tun kann. Das Stricken ist nach wie vor nicht jedermanns Sache, aber auch Männer können heute daran Gefallen finden, siehe das Musikvideo von Stephen West unten.

Im Nachhinein sehe ich in den studentischen Strickerinnen von damals auch die künftigen Landkommunen, die alternative Bewegung, sehe die 1980er Jahre auf uns zukommen und mit ihnen die Grünen.

Moment, die Grünen? Die sind jetzt beim Stricken von Geschichte. Annalena Baerbock, die Kanzlerkandidatin der Grünen für den 26. September 2021, war damals noch gar nicht auf der Welt. Ich kann sie mir mit Strickzeug kaum vorstellen. Aber sie will jetzt an der deutschen Geschichte weiterstricken, unbefangen, erfrischend, frech, wenn die Wählerinnen und Wähler ihr dafür grünes Licht geben. Wer damals im Proseminar strickte, kann diesmal für die nächste Generation auf die Ampel drücken. Bestrickend.