Tischsitten

Quelle: Andreas Müller
Quelle: Andreas Müller

Früher geschah alles am Tisch – dem Tisch!

Der Gong im Flur rief uns zu Tisch. Wir aßen Frühstück, Mittagessen und Abendbrot. Jeder hatte seinen festen Platz. Beim Essen sprach man nicht. Das nannte man „gefräßige Stille“. Heute lernt man übrigens Tischmanieren über YouTube-Videos (s. unten): Auch nicht schlecht.

Nach dem Mittagessen machten wir unsere Hausaufgaben am Tisch. Jeder für sich, nur durch den Tisch verbunden. Manchmal träumte man und musste erinnert werden: „Hausaufgaben fertig?“ Manchmal kam die Mutter und fragte Vokabeln ab. Erst danach durfte man vom Tisch aufstehen und raus zum Spielen.

Wenn es regnete, spielten wir drinnen. Wo? Am Tisch natürlich. Mensch ärgere dich nicht. Leichter gesagt als getan, wenn man mal wieder kurz vor dem Ziel rausgeschmissen wurde. Wir legten die Karten auf den Tisch: beim Rommee, beim Skat, bei der Zank-Patience.

Auch Gäste waren am Tisch willkommen: Tischgäste. Dann konnte man den Tisch etwas ausziehen und mehr Stühle dranstellen – und man rückte zusammen. Geht doch!

Später, als wir älter und zu Hause ausgezogen waren, kam man an WG-Tischen zusammen, und jeder brachte was zu trinken mit. Man diskutierte hitzig. Jedes Thema kam auf den Tisch.

Im öffentlichen Raum kam der Tisch groß raus. Streitfragen wurden an Runden Tischen erörtert, an denen niemand den Vorsitz hatte und alle zu Gehör kommen sollten. Keine Meinung sollte unter den Tisch fallen.

Heute scheint der Tisch aus der Mode zu kommen. Keiner will mehr auf unbequemen Stühlen gerade sitzen. Beim Essen steht man deshalb zunehmend an Stehtischen, damit das Fingerfood besser rutscht. Außerdem kann man so leicht von Gesprächspartner zu Gesprächspartner surfen, ohne unangenehm aufzufallen.

Zum Arbeiten gehen Jung wie Alt an ihren eigenen Schreibtisch oder stellen sich an ihr Stehpult. Zum Daddeln lässt man sich in die gemütliche Sitzlandschaft fallen. So rutscht man leicht in die Horizontale und entschlummert.

Hat der Tisch als Ort der mitmenschlichen Begegnung also ausgedient? Nicht ganz. Auf dem Tisch ist heutzutage das Büfett aufgebaut, bei Tagungen wie bei privaten Feiern. Da laufen wir uns mit Glas und Teller in der Hand über den Weg und quatschen uns vor Tapas und Törtchen fest. Jetzt müsste man sich hinsetzen können. Ich glaub, ich hol ’nen Stuhl.