Unterwegs mit Plan

Quelle: Andreas Müller
Quelle: Andreas Müller

Wenn man früher unterwegs war, hatte man einen Plan. Der Bahnfahrer hatte einen Fahrplan, die Autofahrerin eine Straßenkarte, der Radfahrer eine Radwanderkarte, die Fußgängerin einen Stadtplan. Heute sind wir planlos. Ist das ein Verlust?

Nehmen wir die Bahn als Beispiel. Gern erinnere ich mich an das Kursbuch, die Sammlung aller Fahrpläne der Deutschen Bundesbahn. Auf dieses zweimal im Jahr erscheinende Opus (es gab lange einen Sommerfahrplan und einen Winterfahrplan) war die DB stolz und widmete ihm in den 1970er Jahren einen ausgiebigen Werbefilm (s. unten).

Dieses Kursbuch war die Lieblingslektüre meines Vaters, gleich nach dem, leider abgeschlossenen, Gesamtwerk von Karl May. Pünktlich vor dem Fahrplanwechsel holte er sich sein persönliches Exemplar des Mammutwerks, das alle deutschen Fernverbindungen enthielt, und studierte es so eingehend wie Briefmarkensammler den neuen Michel-Katalog.

Mit flinkem Finger fuhr er an den Spalten mit den Abfahrts- und Ankunftszeiten entlang, notierte Teilstrecken auf einem Zettel, blätterte für den Anschlusszug 233 Seiten weiter. Er ermittelte mit detektivischer Akribie schnelle Verbindungen nicht nur für sich selbst, sondern für die ganze Verwandtschaft und Nachbarschaft. Mein Vater war ein Schriftgelehrter der Bahn-Bibel, den die Gläubigen, aber weniger Kundigen gern um Rat fragten.

Da lag das Problem: Normal sterbliche Gelegentlich-Reisende kamen mit den Hieroglyphen im Kursbuch, im Fahrplan nicht klar, waren auf den Bahnbeamten am Schalter im Bahnhof angewiesen, standen dort zu Stoßzeiten Schlange, um sich ihre Verbindung heraussuchen zu lassen.

Zwar wurde das Gesamtopus in kleinere Regionalformate heruntergebrochen, um den Reisewilligen leichter genießbare Info-Häppchen zu servieren. Das Grundproblem blieb: Nicht jeder Zug fuhr jeden Tag. Kurzfristige Änderungen konnten nicht aufgenommen werden. Wo der Bahnhof am Zielort genau lag und wie man von dort zu Erbtante Else, zum Hotel oder zum Vortragssaal kam, war dem Kursbuch nicht zu entnehmen.

Da brauchte man den nächsten Plan, in der Hand oder an der Wand. Oder man interviewte Einheimische, die mitunter selbst keinen Plan hatten. Voll der Stress.

Heute liefert uns das Smartphone alles idiotensicher. Der DB-Navigator sucht mir die Verbindung heraus, bucht das Ticket und den Sitzplatz für mich, begleitet mich auf der Reise und hilft bei Verspätungen sofort mit Alternativverbindungen. Google Maps zeigt mir den Weg vom Bahnhof zu Cousine Catrin. Alles voll einfach. Es lebe der Fortschritt!

Nur eines ist mit dem Kursbuch auf der Strecke geblieben, das große Ganze: lauter mögliche Verbindungen, die man nicht brauchte und in die man sich, ob Vater, ob Kind, bequem im häuslichen Sessel hineinträumen konnte.