Von Niendorf nach New York und zurück

Quelle: Andreas Müller
Quelle: Andreas Müller

Ja, auch wir in den 1950er und 1960er Jahren hatten Urlaubsziele. Sie hießen Niendorf und Spiekeroog, Bayrischer Wald und Bodensee und waren eine Tagesreise mit Bahn oder Auto vom heimatlichen Weserbergland entfernt. Und das sind Traumziele? Für meine Eltern durchaus, denn schon die Urlaubsreise an sich war nach den schweren Kriegs- und Nachkriegsjahren für ihre Generation ein wahr gewordener Wunschtraum.

Wir, die Babyboomer, wollten bald mehr, träumten von fremden Ländern – und reisten hin. Ich war schon als Teenager ein US-Austauschjahr lang im ländlichen Michigan, reiste nach dem Abi mit einem Kumpel per Interrail-Ticket kreuz und quer durch Europa: Schweden, England, Frankreich, Portugal. Mein Interesse an Frankreich vertiefte sich durch mehrere Sommersprachkurse im Land und einem abschließenden Jahr als Fremdsprachenassistent in Paris. Mein Bruder engagierte sich für die Dritte Welt und wagte sich mit einer Studentengruppe nach Ostafrika.

Dann allerdings kam der Ernst des Lebens und versetzte dem Fernweh einen Dämpfer: Beruf und Familie beschnitten unsere Mobilität. Man träumte von fernen Zielen, statt einfach hinzufahren.

Davon handelt Udo Jürgens Schlager „Ich war noch niemals in New York“, in dem ein Reisezielträumer mit dem Gedanken spielt, den Gang zum Zigarettenautomaten zu einer Flucht in die Ferne zu nutzen: „Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii – ging nie durch San Francisco in zerrissenen Jeans“ (s. unten). Der kühne Schritt in die große Freiheit bleibt letztlich aus, „Dalli dalli“ im Fernsehen ruft ihn zurück ins Wohnzimmer.   

Als die Kinder groß waren, holten wir das Versäumte nach. Da das Fliegen immer billiger wurde, konnten sich viele von uns leisten abzuheben. Die einen lockte es nach Mallorca und auf die Kanarischen Inseln, nach Griechenland und in die Türkei. Andere zog es nach Südafrika, Thailand und in die USA. Als Reise-Weltmeister flogen wir uns rund um den Globus über den Weg.

Corona hat uns auf den Boden zurückgeholt. Wer noch niemals in New York war, der muss sich ganz hinten anstellen. Die Amerikaner lassen uns aus Angst vor dem Virus vorläufig nicht hinein.

Bleibt die Rückkehr nach Niendorf und Spiekeroog, aber auch die Entdeckung von Rügen und Radebeul. Wer gern zu Wolkenkratzern aufschaut, kann immerhin Mainhattan statt Manhattan ansteuern, mit Paulskirche und Römer als Frankfurter Zugaben.

Und New York? Unerfüllte Träume leben länger.