Zeichen der Zeit

Quelle: Norbert Bangert, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:K%C3%BCchenuhr.JPG
Quelle: Norbert Bangert, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:K%C3%BCchenuhr.JPG

Wie spät ist es? Ein Blick auf die Küchenuhr: „Jetzt aber ab in die Schule“ am Morgen, „In einer Viertelstunde gibt’s Abendbrot“ am Abend. Kinder wie Eltern waren eingetaktet, die gemeinsame Uhr gab es vor, damals.

Das klingt hektischer als es war, die innere Uhr war mit der äußeren gut synchronisiert, und Mutter sorgte dafür, dass morgens, mittags und abends etwas auf dem Tisch stand und hungrige Mäuler gestopft werden konnten.

Auch außer Haus ging es weiter mit der Einheitszeit an der Wand. Die Schuluhr gliederte den Vormittag verlässlich in Einzelstunden, Doppelstunden und Pausen. Sehnsüchtige Blicke auf die Uhr kurz vor Schluss: „Hoffentlich komme ich nicht mehr dran.“ „Uff, in 10 Sekunden klingelt es!“ Besorgte Blicke auf die Uhr am Pausenende: „Gleich geht’s mit Mathe weiter – und ich hab’s immer noch nicht kapiert!“

Im Arbeitsleben waren Wanduhren erneut die Herrscher über die gemeinsame Zeit, jetzt unterstützt von Stechuhren und anderen Zeiterfassungssystemen. Der Acht-Stunden-Tag war nachzuweisen, wurde zuverlässig dokumentiert. Gut, dass nur körperliche Anwesenheit geprüft werden konnte, denn in Gedanken waren manche viel früher im Feierabend angekommen. Dolly Parton hat diesem strengen Bürozeit-Regime ein musikalisches Denkmal gesetzt: Nine to five (s. unten).

Inzwischen ist unser festes Zeitgerüst ins Wanken geraden. Am Arbeitsplatz sind Gleitzeit und Vertrauenszeit zunehmend verbreitet. Durch Home Schooling und Home Office sind Schuluhr und Bürouhr im wahrsten Wortsinn aus dem Blick geraten, jetzt verstärkt durch Corona. Die Küchenuhr herrscht immer seltener über die gemeinsame Nahrungsaufnahme. Wir machen uns unseren Snack jede/r für sich zu der Zeit, die uns gefällt.

Der wahre Herrscher über unser Leben hängt nicht mehr an der Wand. Wir haben unser Zeitmanagement dank Smartphone-Kalender selbst in der Hand. Wir tragen Termine ein, wir verschieben sie, wir tragen sie aus: Wir herrschen eigenhändig über unsere Zeit.

Klingt erstmal gut. Aber droht damit nicht das Ende der geteilten Zeit? Verdammen uns Trends und Technik nicht auf einsame Inseln der durchorganisierten Selbstverwirklichung zwischen Frühjogging und Binge-Watching auf Netflix: ohne Küchenuhr ins Sozialkoma?

WhatsApp-Ping: „Tolles Bild! Du bist ja grad bei mir um die Ecke. Kommst du zum Essen vorbei? Mein Risotto ist in einer Viertelstunde fertig.“ Nichts wie hin!